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Zeitschrift für Japanisches Recht
Der Fall der AUM-Sekte und sein Hintergrund Haruo Nishihara
I. VORWORT
20. März 1995, gegen acht Uhr morgens: In fünf U-Bahnen von drei Linien, die alle
fast die Stadtmitte von Tokyo erreicht haben, wird nahezu gleichzeitig giftiges Gas
freigesetzt. Elf Fahrgäste sterben und über 5500 Menschen werden verletzt.
Untersuchungen ergeben, daß es sich bei dem Gas um Sarin handelte, ein Stoff, von dem die
meisten Japaner bis zum Matsumoto-Sarin-Vorfall, von dem später noch die Rede sein wird,
nicht einmal den Namen kannten.
Zwei Tage später, am 22. März, begann die Polizei an verschiedenen Orten in Gebäuden
der AUM-Sekte zu ermitteln. Anlaß war jedoch nicht der Verdacht der Benutzung von Sarin,
sondern die Entführung von Herrn Kariya, Geschäftsleiter am Meguro-Notariat, die am 28.
Februar stattgefunden hatte (auch von diesem Fall werde ich später noch näher
berichten).
Mehrere Leute vermuteten jedoch schon zu diesem Zeitpunkt, daß auch der Sarin-Anschlag
von der AUM-Sekte begangen worden sei: zum einen, weil diese Tat so abnorm war, daß sie
nur von Überzeugungstätern mit religiösem Hintergrund begangen worden sein konnte, und
zum anderen, weil schon im Herbst des Vorjahres in einigen Zeitschriften berichtet worden
war, daß von einem Gebäude der AUM-Sekte üble Gerüche ausgegangen waren und im Gras in
der Nähe dieses Gebäudes Sarinrückstände nachgewiesen wurden. Es war allerdings
bekannt, daß die AUM-Sekte auf solche Behauptungen mit Anzeigen wegen
"Ehrverletzung" reagiert hatte.
Seither wird in Japan fast täglich von morgens bis abends im Fernsehen, Rundfunk, in
Zeitschriften und Zeitungen über die AUM-Sekte berichtet. Durch die polizeilichen
Ermittlungen sind immer neue Hinweise auf erschreckende Grausamkeiten zutage getreten, die
von führenden Mitgliedern der Sekte begangen worden sein sollen. Die Berichterstattung
der Massenmedien wurde immer emotionaler. Viele Leute genossen die Sensation: sie sahen
sich jeden Tag aufs neue in ihrem Verdacht und ihren Ahnungen bestätigt, oder fühlten
sich von den offenbar gewordenen Fakten überrascht und stets aufs neue erschreckt. Alle
Japanerinnen und Japaner hatten das Gefühl, als schlügen sie jeden Tag eine neue Seite
eines hervorragenden Krimis auf. Der Fall der AUM-Sekte befindet sich zum größten Teil
zur Zeit noch vor Gericht, und es wird weiter ermittelt. Deswegen stehen alle Äußerungen
zu ihm unter dem Vorbehalt: "soweit die Nachforschungen von Polizei und
Staatsanwaltschaft ergeben haben." Auf jeden Fall jedoch kann man sagen, daß die
Vorfälle um die AUM-Sekte wegen ihrer Eigentümlichkeit, ihres Ausmaßes und ihrer
Anomalität zu den größten Ereignissen in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg zählen.
Andererseits ist dieser Fall nach allgemeiner Meinung kein isoliertes Ereignis, sondern
steht in vielfältigem gesellschaftlichen Zusammenhang. Daher muß man sich ernsthaft mit
den vielfältigen mit ihm verbundenen Problemen auseinandersetzen.
II. RELIGION IN JAPAN
Bevor ich näher auf die Dogmen der AUM-Sekte eingehe, möchte ich den deutschen
Anwesenden kurz einiges zur Stellung der Religionen in Japan erklären. Sie ist schon für
Japaner nicht leicht zu verstehen und dürfte daher den Deutschen einige Rätsel aufgeben.
Christen und Muslime kennen Religion als den Glauben an einen einzigen Gott, der sich mit
einem bestimmten Dogmensystem verbindet. Alles andere würden sie wahrscheinlich intuitiv
nicht als Religion, sondern als Aberglaube verstehen. Nach dieser Auffassung gäbe es in
Japan mit wenigen Ausnahmen gar keine Religion; und im erwähnten Sinne mag das sogar
stimmen.

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