Zeitschrift
für Japanisches Recht
2. Jahrgang 1997- Heft Nr.4
Zur Einführung
Liebe
Mitglieder und Freunde der DJJV, liebe Leser,
an den
internationalen Kapitalmärkten ist derzeit ein
tiefgreifender Wandel zu beobachten. Eine wachsende
Institutionalisierung der Märkte und Marktteilnehmer hat
zusammen mit einer immer stärkeren Globalisierung der
Mittelanlage und Mittelaufnahme vor dem Hintergrund der
Revolution in der Informations- und
Kommunikationstechnologie zu umfassenden institutionellen
und regulatorischen Reformen an den großen Börsen- und
Finanzplätzen der Welt geführt. Die aktuelle
Diskussion, die in Deutschland im Zusammenhang mit dem
Regierungsentwurf des Dritten
Finanzmarktförderungsgesetzes geführt wird, hat uns
Anlaß gegeben, in diesem Heft als Themenschwerpunkt die
Reform des Finanzmarktrechtes in Japan aufzunehmen, wo
eine in vielen Zügen parallele Diskussion derzeit mit
großer Intensität geführt wird. Die einzelnen
Reformvorhaben setzt Hideki Kanda, einer der
führenden Finanzmarktrechtler in Japan, in seinem
Beitrag eindrucksvoll in einen Gesamtzusammenhang und
zeigt zugleich die diesen zugrundeliegenden
Entwicklungslinien wie auch die strukturellen Eigenheiten
des japanischen Marktes auf. Die Art und Weise, wie in
Japan Finanzmarktregulierung zustande kommt, ist in dem
außerordentlich informativen Beitrag der amerikanischen
Finanzrechtler Curtis Milhaupt und Geoffrey
Miller eingehend analysiert. Die offizielle
Diskussion um die Reform des Kapitalmarktrechtes in Japan
ist in den beiden Berichten des Securities and
Exchange Council dokumentiert. Den
rechtsvergleichenden Hintergrund mit Blick auf die
deutsche Entwicklung faßt Harald Baum in seiner
kurzen Einführung zu dem Themenschwerpunkt zusammen.
Auch die
Beiträge von Wernhard Möschel und Frank
Siegfanz haben japanisches Wirtschaftsrecht, in
diesem Fall das Wettbewerbsrecht zum Thema. Vor dem
Hintergrund seiner profunden Erfahrung im deutschen
Kartellrecht zeigt Möschel Ähnlichkeiten und
Unterschiede in der Entwicklung des japanischen
Wettbewerbsrechts auf. Siegfanz gibt einen kurzen
Überblick über die Reform des Antimonopolgesetzes von
1997, mit der das vor 50 Jahren verhängte Verbot
der Holding-Gesellschaft mit Wirkung für 1998 aufgehoben
wird - eine Reform mit weitreichenden Folgen. Eine
weitere wichtige Reform, die 1998 in Kraft treten wird,
ist die Reform des Zivilprozeßgesetzes. Akira
Ishikawa stellt einen der wichtigsten Aspekte der
Reform vor, nämlich die Beschränkung der
Berufungsmöglichkeiten aus Gründen der
Prozeßökonomie. Wer die japanische Tages- und
Wirtschaftspresse in diesem Jahr verfolgt hat, ist mit
einer Reihe von größeren Skandalen aus dem Umfeld von
Unternehmenserpressungen durch die sôkaiya
vertraut, in deren Folge Vorstände großer Banken und
Wertpapierhäuser ihren Posten verloren haben und
führende Manager verhaftet wurden. In einem Wechsel der
Perspektive gibt Jeanette Behagel eine
detaillierte Übersicht über die Rechtsstellung von
Ausländern im heutigen Japan. Petra Schmidt setzt
sich mit verfassungsrechtlichen Problemen der Todesstrafe
in Japan auseinander.
In der
Rubrik Aus fremder Quelle drucken wir einen Aufsatz des
bekannten Rechtssoziologen Setsuo Miyazawa, in dem
der Verfasser sich für eine stärkere Liberalisierung
und Individualisierung der japanischen Gesellschaft
ausspricht und sich damit gegen die derzeit verbreitete
Interpretation der Kommunitarier stellt, die in der
Gruppenorientiertheit der japanischen Gesellschaft ein
Modell für die Zukunft erblicken. In der Sektion
Vorträge geben wir einen Vortrag zum Umweltstrafrecht in
Japan wieder, den Makoto Ida Anfang dieses Jahres
in Düsseldorf gehalten hat. Wiederum zeigen sich die
parallelen Herausforderungen, denen sich Japan wie
Deutschland stellen muß.
Unter dem
Stichwort Rechtsprechung haben wir diesmal gleich vier
Beiträge. Toshiyuki Kono analysiert das Urteil
des Obersten Gerichtshofes vom 11. Juli dieses Jahres, in
dem zu einer möglichen Anerkennung eines
US-amerikanischen Urteils Stellung genommen wird, das punitive
damages zuerkennt. Eine Anerkennung und Vollstreckung
in Japan wird abgelehnt, Kono äußert sich
differenziert zu der Entscheidung. Christopher Heath
analysiert eine weitere Entscheidung des Obersten
Gerichtshofes, in der es um Fragen des Scheidungsrechts
bei einer gemischt deutsch-japanischen Ehe geht. Beide
Entscheidungen dürften für die internationale
Verfahrenspraxis von großer Wichtigkeit sein. Für die
im Japan-Geschäft tätigen Leser wird eine weitere
Entscheidung des Obersten Gerichtshofes aus diesem Sommer
von großem Interesse sein, in der es um die Frage der
Zulässigkeit eines Parallelimportes patentgeschützter
Waren nach Japan geht - dem sogenannten BBS-Fall. Die
Entscheidung ist übersetzt und kritisch kommentiert von Hiroyuki
Ikeuchi. Frank Siegfanz greift in seiner
Übersetzung und Kommentierung einer Entscheidung der
japanischen Wettbewerbsbehörde vom Juni dieses Jahres
noch einmal kartellrechtliche Fragen auf.
Passend zu
dem Themenschwerpunkt Reform des Finanzmarktrechtes wie
auch zu dem Beitrag über die Wiederzulassung der
Holding-Gesellschaft in Japan ist die diesmal besonders
ausführliche Darstellung der aktuellen Rechtsentwicklung
von Markus Janssen und Olaf Kliesow.
Auch in
diesem Heft stellen wir Ihnen wiederum zwei wichtige
Bücher zum japanischen Recht vor. Wilhelm Röhl
bespricht eine bedeutende Arbeit über den Anteil der
deutschen Rechtswissenschaftler an der Gestaltung des
modernen japanischen Rechts und Matthias Scheer
und Christian Thiele würdigen eine
rechtsvergleichende Zusammenstellung von
Symposiumsbeiträgen zu Problemen des internationalen
Verfahrensrechts.
Im zweiten
Teil des Hefts, den Mitteilungen der Deutsch-Japanischen
Juristenvereinigung, finden Sie die Jahresabschlüsse
für das Jahr 1996 sowie einen kurzen Bericht und
organisatorische Hinweise. Am Ende des Heftes sind zwei
Neuerscheinungen zum japanischen Recht angezeigt.
Hamburg, im November 1997
Harald Baum/Olaf Kliesow/Matthias Scheer

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