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Zeitschrift
für Japanisches Recht
2. Jahrgang 1997- Heft Nr.4
Sôkaiya
(Unternehmenserpresser)
Raisuke Miyawaki
übersetzt und mit Anmerkungen versehen von
Matthias Scheer
Man nimmt
an, daß der Begriff sôkaiya (Unternehmenserpresser)
in der japanischen Presse zum ersten Mal im Jahre 1902
erwähnt wurde. Weil die erste japanische Börse am 15.
Mai 1878 gegründet wurde, bedeutet dies, daß sich diese
einzigartige japanische Institution während dieser 24
Jahre entwickelt hat. Die Öffentlichkeit wurde erstmals
im Jahre 1959 auf die Machenschaften der sôkaiya aufmerksam,
als Saburô Shiroyama, der als Reporter für die Nihon
Keizai Shimbun (Nikkei) tätig war, den
prestigeträchtigen Naoki-Preis für
Unterhaltungsliteratur für seinen Roman Sôkaiya
Kinjo [Kinjo, der Sôkaiya] erhielt. Dieser Roman war
schon zwei Jahre zuvor, im Jahre 1957, in der
Literaturzeitschrift Bungakukai erschienen.
In diesem
Roman endete die Hauptversammlung einer gewissen Bank,
ohne daß die anwesenden Aktionäre in der Lage waren,
irgendwelche schwierigen Probleme anzusprechen, weil die
ebenfalls anwesenden sôkaiya laut "Keine
Einwendungen! Keine Einwendungen!" riefen. Noch am
selben Abend besucht der Vorstandsvorsitzende der Bank
die Residenz des führenden sôkaiya, Kinjo. So
beginnt dieser Roman.
Der Roman Sôkaiya
Kinjo wurde 1957, also vor jetzt immerhin schon 40
Jahren, veröffentlicht. Während dieser vier Jahrzehnte
hat die japanische Wirtschaft einen weitreichenden
Strukturwandel vollzogen. Dennoch hat es den Anschein,
als wäre seit damals überhaupt keine Zeit verstrichen,
wenn wir uns mit der Kontroverse befassen, die die
Beziehungen zwischen den sôkaiya einerseits und
dem Wertpapierhaus Nomura Securities Company und der
Dai-Ichi Kangyô Bank andererseits zum Gegenstand hat.
Die japanische Wirtschaft war vor allem aufgrund der
Konzentration des Kapitals und des Geldes in japanischen
Unternehmen und der Geschäftswelt imstande, schnell zu
wachsen. Deswegen sahen die sôkaiya, die wie
Parasiten von diesen Unternehmen lebten, für sich immer
mehr lukrative Chancen. Dies bedeutete wiederum, daß die
Konfrontationen zwischen denjenigen sôkaiya, die
den Status quo im Management unterstützten und auch als
"Freunde" bezeichnet wurden, und denjenigen sôkaiya,
die das Management damit erpreßten, daß sie seine
dreckige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen wollten
und deshalb als "Feinde" bezeichnet wurden, so
heftig wurde, daß sie die physische Einschüchterung des
Gegners erforderlich machte. Dementsprechend bemühten
sich mehrere sôkaiya um die Unterstützung durch
die yakuza (gewalttätige in Banden organisierte
Kriminelle).
Nachdem
sich die yakuza mit der Arbeit der sôkaiya
vertraut gemacht hatten, erkannten sie, wie
außerordentlich gewinnbringend deren Geschäft war.
Deshalb begannen die yakuza in den siebziger
Jahren damit, nach und nach das Geschäft der sôkaiya
zu übernehmen. Für diesen Trend sprach auch die
Tatsache, daß die sôkaiya, die ursprünglich die
yakuza beauftragt hatten, von diesen immer wieder
zur Zahlung von Provisionen aufgefordert wurden. Einige sôkaiya
gaben deshalb dieses Geschäft auf, während andere, die
sich geweigert hatten, nachzugeben und Sonderzahlungen zu
leisten, gezwungen wurden, als Warnung für andere ihren
Kopf zu rasieren.
Etwa zu
diesem Zeitpunkt fing die japanische Polizei an, sich
darüber Sorgen zu machen, daß die yakuza im
Gegensatz zu den traditionellen sôkaiya, die
lediglich ihre Kenntnisse über die Schattenseite der
japanischen Geschäftswelt ausgenutzt hatten, allmählich
die direkte Kontrolle über japanische Unternehmen
gewannen. Deswegen informierte der damalige
Generaldirektor der Nationalen Polizeibehörde (National
Police Agency NPA) Seitarô Asanuma die Vorstände
der japanischen Banken darüber, daß der Einfluß der sôkaiya
gedrosselt werden müsse. Damit begannen die gegen
die sôkaiya gerichteten einschneidenden
Polizeimaßnahmen des Jahres 1978. Damals war ich als
Leiter der NPA-Abteilung tätig, die für die Bekämpfung
der sôkaiya zuständig war.

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