Zeitschrift für Japanisches Recht
Heft Nr. 7 / 4. Jahrgang 1999

III. Strafrecht

Funktion und Stellung der strafrechtlichen Sanktionen

in der heutigen Gesellschaft

— die japanische Perspektive —

Makoto Ida

I. Einleitung

II. Die japanische Strafrechtspraxis im Lichte der Statistik

III. Überlegungen zur Funktion von Sanktionen in der japanischen Strafrechtspraxis

IV. Neuere Tendenzen im Verständnis strafrechtlicher Sanktionen

I. Einleitung

In der vorliegenden Abhandlung möchte ich die strafrechtliche Sanktionspraxis in Japan möglichst umfassend darlegen und einer kritischen Bewertung unterziehen. Zunächst werde ich anhand unserer amtlichen Statistiken die Besonderheiten der japanischen Strafrechtspraxis und ihre Hintergründe aufzeigen (unten II.). Anschließend möchte ich auf die problematischen Punkte der japanischen Praxis hinweisen, die durch die gängigen Erklärungsansätze eher verdeckt werden (unten III.1.). Dabei werde ich auch sonstige, in der Statistik nicht auftretende Eigenheiten des japanischen Sanktiossystems darstellen und zu analysieren versuchen (unten III.2.). Mit kursorischen Bemerkungen über neuere Tendenzen im Verständnis strafrechtlicher Sanktionen möchte ich meine Ausführungen sodann abschließen (unten IV.).

II. Die japanische Strafrechtspraxis im Lichte der Statistik

1. Die Besonderheiten der japanischen Strafrechtspraxis sind inzwischen auch europäischen Kriminologen geläufig. Sie lassen sich anhand unserer amtlichen Strafverfolgungsstatistiken unschwer ermitteln. Hervorzuheben sind die folgenden Punkte: Erstens ist die japanische Praxis durch das häufige Gebrauchmachen von Möglichkeiten der Verfahrenseinstellung gekennzeichnet. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der langjährig praktizierten staatsanwaltlichen Anklagesuspendierung zu. Die Quote dieser Art von Verfahrenseinstellung betrug 1996 36,4% der Fälle mit hinreichendem Tatverdacht und, wenn man nur die Verstöße gegen das Keihô berücksichtigt und dabei von den fahrlässigen Tötungen und Körperverletzungen im Straßenverkehr absieht, sogar 37,5%.